Die Debatte um höhere Inflation ist nicht gefährlich, sie sollte dringend geführt werden!

2. März 2010

In der Debatte um einen möglichen Anstieg der Inflation werden die Beiträge immer skuriler. Nachdem jetzt auch der IWF angeregt hat, über die Vor- und Nachteile höherer Inflationsraten nachzudenken, bedient Spiegel Online die klassischen deutschen Anti-Inflationsressentiments und treibt die Diskussion auf die Spitze („Gefährliche Debatte über billiges Geld – Inflation zerstört die Demokratie„):  diese Debatte sei gefährlich, sie spiele mit der Gesellschaftsordnung insgesamt, das Wertesystem der Gesellschaft gerate ins Rutschen, die Folgen seien unabsehbar, es ginge um das Vertrauen in die Demokratie.

Spon-Kommentartor H. Müller nennt im wesentlichen zwei Begründungen für seine Doomsday-Prognosen. Erstens argumentiert Müller, dass Inflation undemokratisch und unfair ist. Und zweitens, und das ist sein zentrales Argument, führt Inflation grundsätzlich zu einem Rückgang des Vertrauens in Institutionen, den Staat und die Demokratie, da diese Inflation quasi monopolistisch kontrollieren würden.

Ersteres stellt tatsächlich einen validen Nachteil von Inflation dar. Inflation ist in der Tat eine ungerechte Steuer, da die Höhe des Bargeldbesitzes als determinierender „Steuertatbestand“ ein eher willkürliches Kriterium für Besteuerung ist. Und ja, da Inflation im wesentlichen von der Zentralbank und nicht im Parlament entschieden wird, ist sie auch nicht demokratisch.

Allerdings dürften diese Effekte bei der jetzt diskutierten Erhöhung der Zielinflation auf 4% oder auch 5-6% praktisch nicht ins Gewicht fallen. Es gibt auch andere Steuern, deren Kriterien wenig systematisch sind und bedeutend höhere Einnahmen einbringen. Und Geldpolitik ist aus guten und bewährten Gründen in unabhängige Hände gelegt und dem Zugriff von Politikern entzogen worden.

Das zweite Argument Müllers ist jedoch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion verfehlt. Müller verwechselt hier schwankende oder überraschende Inflation mit einer klar kommunizierten, von allen erwarteten Zielinflation. Galoppierende, nicht mehr zu kontrollierende Inflation würde sicher Staat und Demokratie beschädigen. Eine Erhöhung der Zielinflation auf 4% sicher nicht. Eine solch geringe Inflationsveränderung wird kaum bemerkt. Wie schwierig das tatsächliche Tempo des Preisanstiegs im Alltag einzuschätzen ist, zeigt die Erfahrung der Euro-Einführung. Obwohl die gefühlte Inflation damals mindestens zweistellig war, sind die Preise tatsächlich nicht mehr gestiegen als vorher auch.

Eine derartig transparente Inflation enteignet auch nicht „schleichend“, da sich alle darauf einstellen können, zumindest bei neuen Verträgen.

Für die Panikmache von Müller gibt es also keinerlei stichhaltige Begründungen. Abgesehen davon blendet Müller praktisch alle, der durchaus bedenkenswerten Vorteile aus, die ein geringer, kontrollierter und gut kommunizierter Anstieg der zu erwartenden Inflation mit sich bringen würde. Diese Vorteile rechtfertigen es sehr wohl, dass das Paradigma der 0-2%-Inflation in Frage gestellt und neu durchdacht wird.

Kategorische, fast schon ideologische Denkverbote bringen hier nichts. Guter Qualitätsjournalismus ist etwas anderes. Oder wie Brad deLong sagen würde: Why oh why cant’t we have a better press corps?