Politiker-Chapeau des Tages: Rainer Speer (SPD), Innenminister des Landes Brandenburg

25. Februar 2010

Was ist passiert?

Die Polizei des Landes Brandenburg, deren oberster Dienstherr Rainer Speer als Innenminister ist, ist personell um rund 20% überbesetzt. So gibt es in Brandenburg rund 8.900 Polizisten bei ungefähr 2,5 Mio. Einwohnern. D.h., es gibt ungefähr einen Polizisten für rund 280 Einwohner.

Zum Vergleich, im benachbarten Niedersachen gibt es nur einen Polizisten pro 345 Einwohner und in Bayern einen pro 333 Einwohner (Quelle: Wikipedia).

Und auch um Gesundheit, Fitness und Motivation der Polizisten in Brandenburg scheint es nicht sonderlich gut bestellt zu sein. Während die Polizisten dort im Schnitt 32 Tage pro Jahr krank sind, fehlt ein bayerischer Polizist nur 13 Tage im Jahr.

Und was macht der gute Herr Speer?

Er weist konsequenterweise auf diese Ineffizienz der Polizei in Brandenburg im Vergleich zu anderen Ländern hin und plant 1.900 Stellen zu streichen, also gut 20%. Und um den Krankenstand seiner Polizei zu verbessern, empfiehlt er seinen Beamten sich besser fit zu halten. (siehe hierzu den Tagesspiegel)

Und warum verdient er dafür den Politiker-Chapeau des Tages?

Sparen ist für Politiker immer schwer. Man macht sich unpopulär und schafft sich Feinde. Darum kann ein so konsequentes, an der Sache orientiertes und nach der richtigen Lösung strebendes Vorgehen wie von Speer kaum hoch genug eingeschätzt werden.

Und solch unpopuläres Sparen ist umso schwieriger, wenn es tendenziell eher die eigene Klientel trifft. Sparen bei „den Anderen“ ist natürlich einfacher. Sich als SPD-Politiker mit der Gewerkschaft der Polizei anzulegen, ist daher einen extra Chapeau wert.

Und dann hat Speer auch noch Humor. Als Polizisten als Greise verkleidet und im Rollstuhl sitzend gegen die Überalterung der Polizei protestieren, ist sein Kommentar: „Wer so aussieht, hat etwas falsch gemacht im Leben. Oder er hat zu viel auf Gewerkschaftskongressen gefeiert.“

Chapeau, Herr Speer!

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Der IWF sagt, Zentralbanken sollten mehr Inflation zulassen. Wirklich?

24. Februar 2010

Der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hat am 12. Februar zusammen mit Giovanni Dell’Ariccia und Paolo Mauro ein sehr kontroverses Papier auf die Homepage des IWF gestellt, indem die Konsequenzen aus den Erfahrungen der Subprime-Finanzkrise für den makroökonomischen Grundkonsens gezogen werden.

Vieles in diesem Papier dürfte in der Tat recht konsensuell sein. Aber nicht alles. Und speziell eine Überlegung ist besonders brisant. So rüttelt Blanchard an einer der Grundfesten der orthodoxen Makroökonomie: einer optimalerweise anzustrebenden Zielinflation von ungefähr 2%. Die Autoren stellen die Frage, ob nicht stattdessen eine Zielinflation von 4% sinnvoller ist, da sie mehr Spielraum für eine expansive Geldpolitik bietet, wenn diese als Reaktion auf ökonomische Schocks notwendig ist.

Vorteile höherer Inflation

Bei einer geringeren Inflation sind die Nomialzinsen geringer, und dadurch auch der Zinssatz, zu dem sich die Banken von der Zentralbank Geld leihen können. Diesen Zins können Zentralbanken absenken, um in Krisenzeiten die Wirtschaft durch billigeres Geld zu stützen. Und je stärker die Zentralbanken ihre Zinsen senken, desto größer die geldpolitische Stützungswirkung. Allerdings ist der Senkungesspielraum für die Zentralbanken begrenzt, denn der Nominalzins kann nicht geringer als null sein. Bei höherer Inflation erhöht sich daher der Spielraum der Zentralbanken und steigert sich die Wirksamkeit von geldpolitischen Konjunkturhebeln in Krisenzeiten. Diese Zusammenhänge kann man sich leicht mit Hilfe der Taylor-Regel verdeutlichen.

Daneben gibt es weitere Argumente für eine höhere Zielinflation. Paul Krugman nennt zum einen Nominallohnrigiditäten. Aus verschiedenen Gründen kommt es praktisch nicht vor, dass Nominallöhne sinken. Höhere Inflation ermöglicht es daher deutlich einfacher, dass sich Reallöhne nach unten anpassen, ohne dass Nominallöhne sinken müssen.

Zum anderen ist auch die Konvergenz von Preissteigerungsraten innerhalb der EU vor allem für die stabileren Länder deutlich einfacher, wenn die Grundinflation ein wenig höher ist. Bei sehr geringen Inflationsraten wäre ansonsten Deflation die fast unausweichliche Folge.

Auch wenn das IWF-Papier nicht die Forderung nach einer höheren Zielinflation erhebt, alleine schon diese Frage zu stellen ist für viele Ökonomen fast schon ein Sakrileg. Gerade in Deutschland scheut man vor dem Hintergrund der großen Inflation 1923 und dem Zusammenbruch der Reichsmark am Ende des dritten Reiches Inflation wie der Teufel das Weihwasser. Die negativen Reaktionen auf den IWF-Vorschlag gerade aus Deutschland und der EZB haben entsprechend auch nicht lange auf sich warten lassen.

Dieses Papier vertritt zwar ausdrücklich nur die Meinung der Autoren und nicht die des IWF, aber der prominente Platz auf der Homepage in der Rubrik Highlights deutet darauf hin, dass dies ein abgestimmter Versuch des IWF ist, diese Diskussion zu starten.

Aus meiner Sicht gibt es sehr viele Argumente und gute Gründe auf beiden Seiten, die in der Tat sorgfältig abgewägt werden sollten. Pawlowsche Reflexe sind hier völlig fehl am Platz.

Die Nachteile und Kosten höherer Inflation

Auf der Negativseite muss man zwischen den allokativen Kosten von Inflation und den (ungewollten) Verteilungswirkungen unterscheiden.

Die allokativen Kosten entstehen durch Verzerrungen der relativen Preise, die unterschiedlich häufig ans aktuelle Preisniveau angepasst werden, durch die Kosten der Anpassung und durch den Aufwand, die Verteilungswirkungen der Inflation zu vermeiden. Insgesamt muss jedoch gesagt werden, dass derartige Kosten für einstellige Inflationsniveaus kaum eine Rolle spielen.

Erheblich bedeutsamer sind die Verteilungswirkungen, von denen vor allem zwei Arten entscheidend sind.

Einerseits die sogenannte Inflationssteuer, die entsteht, wenn durch Inflation die Haltung von Bargeld teurer wird, da Bargeld an Wert verliert. Auf der anderen Seite landen die Einnahmen in Form von Seignorage bei dem Emittenten des Bargelds, also bei der Zentralbank, die diesen Gewinn wiederum an den Staat abführt. Daher wirkt Inflation wie eine Steuer, nur dass es eine sehr ungerechte Steuer ist, da sie an keine Kriterien wie etwa Leistungsfähigkeit geknüpft ist, sondern mehr oder weniger zufällig jeden in Ausmaß seines Bargeldbestandes trifft.

Die wichtigsten Verteilungswirkungen von Inflation entstehen jedoch, wenn Inflation sich unerwartet verändert. Und genau das ist der Fall, wenn die Zentralbanken ihre Zielinflation von 2 auf 4% anheben.

Von derartigen Verteilungswirkungen sind alle langjährigen Verträge mit Nominalwerten betroffen, die in der Erwartung von ungefähr 2% Inflation geschlossen wurden. Denn bei einer Inflation von 4% hätten bei gleichen realen Preisgestaltungen andere Nominalwerte vereinbart werden müssen. So müssen z.B. Schuldner mit festen Zinsen real weniger für Zins und Tilgung ausgeben und Gläubiger erhalten real entsprechend weniger, wenn Inflation auf 4% steigt.

Und jetzt?

In der Tat sind die Argumente für eine leicht höhere Zielinflation schlagkräftig. Und deren zusätzliche Kosten mit Ausnahme der Verteilungswirkungen des Übergangszeitraums überschaubar.

Sollten sich Zentralbanken also dazu entschliessen, ein wenig mehr inflation zuzulassen, müsste der Übergang sehr sorgfältig vorbereitet und langfristig kommuniziert werden.

Bis es soweit kommt wird es angesichts gerade der deutschen Inflationsphobie allerdings noch lange, lange dauern. Wenn überhaupt. Schade.


Politiker-Fauxpas des Tages: Ralf Stegner (SPD) – Findet, dass er Geld behalten darf, wenn es zu spät ausbezahlt wird

24. Februar 2010

Was ist passiert?

Ralf Stegner war während seiner Amtszeit als Finanz- und Innenminister in Schleswig-Holstein von 2003 bis Anfang 2008 Mitglied des Aufsichtsrates der HSH Nordbank.

Dies ist ziemlich genau die Zeit, in der sich die HSH die katastrophalen Geschäften eingegangen ist, die sie jetzt zu einer finanziellen Belastung ohne Gleichen für die Länder Schleswig-Holstein und Hamburg machen. Stegner wusste Bescheid und hätte in dieser Zeit im Aufsichtsrat alles verhindern, aufdecken oder anprangern können. Hat er aber nicht. Haben auch viele andere nicht. Bei der HSH Nordbank nicht und anderswo auch nicht. Insofern ist diese Episode zwar kein Ruhmesblatt für den guten Herrn Stegner, insbesondere da es um seine Kompetenzen nicht wirklich gut bestellt zu sein scheint, wie Verlorene Generation berichtet, aber sie reicht nicht für den Politiker-Fauxpas des Tages aus. Dafür haben, wie gesagt, zu viele ähnlich versagt.

Für diese Aufsichtsratstätigkeit bekam Stegner natürlich Tantiemen. Da er jedoch sein Aufsichtsratsmandat qua seines Amtes ausführt, darf er davon aber nur einen Anteil behalten und muss den Rest an die Landeskasse abführen.

Konkret hat Stegner für das Jahr 2007 laut Focus Online 14.375 € plus MWSt. bekommen.  Davon hätte er 5.500 € behalten dürfen.

Und was macht der gute Herr Stegner?

Für die Jahre 2003-2006 hat Stegner diese Differenz brav an die Landeskasse überwiesen. Nicht jedoch für 2007. Die Rechnung für 2007 hat er erst im Mai 2008 gestellt, nachdem er aus dem Amt als Innenminister ausgeschieden war.

Und daher, so argumentierte er schriftlich, dürfe er die gesamten Bezüge behalten, denn es sei nicht entscheidend, für welchen Zeitraum die Tantiemen gezahlt werden, sonden wann sie ausbezahlt werden.

Und warum verdient er dafür den Politiker-Fauxpas des Tages?

Aus drei Gründen.

Erstens ist dies ein erschreckender Fall von Selbstbedienungsmentalität. So komisch kann Stegners Rechtsempfinden gar nicht sein, dass er tatsächlich denkt, er könne den Anteil des Landes behalten, nur weil dieser später überwiesen wird.

Zweitens ist Stegners Erklärung für diesen Vorfall gelinde gesagt merkwürdig. Stegner behauptet, er sei aus den Ministerien falsch beraten worden, allerdings ohne die Namen seiner „Ratgeber“ zu nennen. Wie angesichts der klaren Sachlage kaum verwunderlich, war dieser „Rat“ zudem offensichtlich falsch, denn Stegner hat inzwischen die Differenz ans Land gezahlt.

Und drittens hat Stegner Paralleln zwischen den an ihn gerichteten Vorwürfen und denDiffarmierungen und Unterstellungen Barschels über Engholms angebliche Steuerhinterziehungen gezogen. Stilloser geht es kaum.


Politiker-Fauxpas des Tages: Jürgen Rüttgers (CDU) – „Ich kannte die Briefe nicht…“

23. Februar 2010

Was ist passiert?

Die Wahlkampforganisation der NRW-CDU bietet Firmen gegen Gebühr Stände auf dem Landesparteitag und bei anderen Veranstaltungen an, die ein persönlichen Gespräches mit dem lieben Herr Rüttgers beinhalten.

Derartige Angebote haben zwar einerseits mindestens „Geschmäckle“, sind aber andererseits gar nicht so weit davon entfernt, was zum einen langjährige Praxis der NRW-CDU ist und zum anderen auch von der NRW-SPD praktiziert wird.

Und was macht der gute Herr Rüttgers?

Er leugnet, dass er von diesen Angeboten wusste! Es handelt sich wohlgemerkt um persönliche Gespräche zwischen ihm selbst und den zahlenden Firmenvertretern!

Warum verdient er dafür den Politiker-Fauxpas des Tages?

Es ist in meinen Augen mehr als unglaubwürdig, dass Rüttgers nichts von diesen Angeboten wusste. Ich erwarte, dass dies auch in kürzester Zeit offensichtlich werden wird. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand schriftlich „Gespräche“ mit Rüttgers anbietet, ohne dies mit ihm abzusprechen, Zeit in seinem Kalender zu reservieren, usw.

Das Beste wäre in dieser Situation für Rüttgers gewesen, die Flucht nach vorne anzutreten, sich zu entschuldigen und darauf hinzuweisen, dass sich die eigene Praxis kaum von anderen unterscheidet. Ein so plumpes und durchschaubares Leugnen macht ihn jedoch vollkommen unglaubwürdig und untragbar. Und wenn er tatsächlich nichts davon wusste, dass seine eigene Organisation Termine mit ihm „verkauft“, disqualifiziert ihn dies noch viel mehr.


Im Umgang mit Griechenland ist eine aktivere Rolle des IWF nötig

18. Februar 2010

Im Umgang mit der griechischen Schuldenkrise gibt es ein Grunddilemma, das das weitere Vorgehen für die EU-Regierungen nicht einfach macht.

Einerseits ist eine dezidierte Reaktion notwendig, um die Märkte zu beruhigen und Vertrauen wieder herzustellen. Larry Summers hat das auf eine einfache Formel gebracht: “when markets overreact… policy needs to overreact as well”. Der einfache Grund ist ein Zirkelschluss. Die Zahlungsfähigkeit Griechenlands hängt essentiell von dem Vertrauen von zukünftigen Schuldnern in die Zahlungsfähigkeit ab. Sprich: nur wenn Schuldner glauben, dass Griechenland auch zukünftig seine Schulden durch Aufnahme weiterer Schulden zurückzahlen kann, werden sie weiteres Geld leihen. Und dieses Vertrauen kann am einfachsten durch eine „Garantie“ der „reichen“ europäischen EU-Staaten erreicht werden.

Andererseits will man aber auch nicht die volle Verantwortung für die Rettung der griechischen Haushaltsmisere übernehmen und, falls nötig, eigene Mittel versprechen. Zum einen weil dies vielen heimischen Wählern nicht gefallen dürfte, vor allem aber, um negative Anreize für andere EU- und Euro-Staaten mit Haushaltsproblemen zu vermeiden. Deren Bereitschaft, schmerzhafte Anstrengungen zum Abbau des eigenen Haushaltsdefizites durchzuführen, dürfte sinken, wenn zur Not die EU als Retter parat steht.

Und trotzdem ist dieses Dilemma lösbar. Entscheidend ist dabei für die EU, ohne Zweifel die Rückzahlung sämtlicher griechischer Staatsschulden zu garantieren, gleichzeitig aber diesen Prozess mit solch schmerzhaften Bedingungen und Einschnitten für die griechische Regierung zu verbinden, dass eine derartige Situation ausreichendes Abschreckungspotential für alle anderen PIIGS-Wackelkandidaten bietet.

Die von Griechenland verlangten Reformschritte genügen diesen Anforderungen grundsätzlich sehr gut. Lohnkürzungen für Staatsdiener, ein genereller Ausgabestop und Heraufsetzung des Rentenalters sind sowohl wirksam als auch abschreckend genug. Zudem ist der enorme Eingriff in die griechische Souveränität durch praktische Haushaltskontrolle und monatliche Berichte an die EU eine Schmach, die sich kein selbstrespektierender Staatsführer freiwillig antun würde.

Und doch könnte die EU diese Krise deutlich effektiver eindämmen. Unklar ist mir, warum neben den handwerklichen Problemen die Deutlichkeit der Kommunikation weit hinter dem Möglichen zurückbleibt, etwa in Form eines EU- oder deutsch-französischen Handlungsplanes. Und ebenso unklar ist mir, warum der IWF hier nicht eingebunden wird. Strukturelle Anpassungsmassnahmen als Voraussetzung eines IWF-Kredites sind dessen langjährig erprobtes Standardhandwerkszeug, könnten die griechische Regierung intern wertvoll unterstützen und an den Kreditmärkten wirksam Vertrauen schaffen. Hier sollte Frau Merkel die Standhaftigkeit haben, die persönlichen Karriereambitionen des Herrn Sarkozy zu übergehen, der verhindern möchte, dass IWF-Chef und möglicher französischer Präsidentschaftskandidat Strauss-Kahn sich als Retter des Euro profilieren kann.


Wessen Geistes Kind DIE LINKE tatsächlich ist…

15. Februar 2010

Gestern hatte ich einen kurzen, aber denkwürdigen Austausch auf Twitter mit der stellvertretenden Vorsitzenden von DIE LINKE, Halina Wawzyniak, die dort unter Halina_Waw twittert.

Diesen Austausch  möchte  ich hier gerne dokumentieren, denn er zeigt sehr deutlich die Realitätsfremde, Unpraktikabilität und Ideenlosigkeit der Politik von DIE LINKE.

Halina Wawzyniak twitterte:

sehr zu empfehlender artikel http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32068/1.html , hartz IV überwinden und mindestlöhne einführen!

Woraufhin ich ihr geantwortet habe:

@Halina_Waw wie, sollen durch höhere Mindestlöhne jetzt noch mehr gering Qualifizierte aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden? #unsozial

und dann folgte dieser Dialog:

@aflasbar gegenfrage: sollen geringqualifizierte unter mindestlohn bezahlt werden und wenn ja warum?

@Halina_Waw Damit sie überhaupt Arbeit finden, Differenz zu akzeptablen Nettolohn muss aufgestockt werden, anders geht es leider nicht

@aflasbar wie durch steuern des staates? nein! arbeitgeber soll auch gering qualifizierte vernünftig bezahlen

@Halina_Waw Dann beschäftigen Arbeitgeber leider zu wenig gering Qualifizierte und wir drängen noch mehr in Arbeitslosigkeit #unsozial

@aflasbar dann muss man die arbeitgeber zwingen sie zu beschäftigen, statt sie mit steuergeldern zu subventionieren

@Halina_Waw Das kann doch nicht dein Ernst sein? Warum ist denn zwang besser als Steuergelder? Finde Zwang immer schlecht #inhuman

@aflasbar weil ich nicht bereit bin unternehmen zu subventionieren die nicht bereit sind einen vernünftigen lohn zu zahlen

Daraufhin fiel mir dann sprichwörtlich nichts mehr ein, aber ich denke dieser Dialog spricht für sich sich!


Wird Inflation tatsächlich steigen?

21. Mai 2009

Seit einiger Zeit geistert ganz hartnäckig die Auffassung umher, dass wir direkt auf eine Phase mit höherer Inflation zusteuern. Die Ökonomenzunft ist gespalten, aber interessanterweise gibt es auch zunehmend durchaus sachverständige Leute, die dies erwarten. Für steigende Inflationsraten werden im wesentlichen drei Begründungen angeführt, die aus meiner Sicht aber alle nicht stichhaltig sind:

  • Die Staatsverschuldung wächst durch die finanzkriseninduzierten Staatsgarantien und Konjunkturprogramme dermassen, dass eine normale Tilgung kaum noch möglich erscheint und der Staat sich daher die Inflation zur Hilfe nehmen wird, um seine (reale) Verschuldung zu verringern (so z.B. die UBS). Witzigerweise hat K. Rogoff u.a. genau aus diesem Grund Inflation empfohlen.
  • In den letzten Monaten wurde zur Rettung des Bankensektors und zur Konjunkturstützung so viel Liquidität in die Märkte gepumpt, dass diese zusätzliche Liquidität die Preise steigen lassen wird, sobald sich die Konjunktur wieder erhöht (z.B. Steinbrück und Zimmermann)
  • Bei sich erholender Weltwirtschaft werden die in jüngster Zeit stark gefallenen Rohstoffpreise wieder steigen, so dass Deutschland sich dadurch Inflation importiert (so z.B. Straubhaar)

Die erste Begründung ist sicher die unsinnigste. Da in Europa die EZB (ebenso wie in den USA die Fed) vollkommen unabhängig ist, hätte der Staat überhaupt keine Möglichkeit, Inflation gezielt zur Reduktion der Staatsverschuldung einzusetzen. Und ich glaube auch nicht, dass die EZB sich von der Politik auf diese Weise unter Druck setzen lassen wird. Ganz im Gegenteil, die EZB ist als Institution immer noch sehr jung und war bisher daher sehr darauf bedacht, sich einen Ruf und Glaubwürdigkeit aufzubauen, indem sie gerade nicht auf populistische Rufe von Politikern nach laxerer Geldpolitik eingegangen ist. Darüber hinaus kann ich mir zumindest im deutschen Kontext nicht vorstellen, dass es Politiker geben würde, die dies öffentlich fordern würden. Inflation ist historisch bedingt in Deutschland derart unpopulär, dass solche Forderungen einem politischen Selbstmord für Politiker fast sämtlicher Couleur bedeuten würde (Ökonomische Nackenstütze schätzt das für Österreich ebenso ein).

Die zweite Begründung impliziert, dass die EZB die Inflationsgeister, die sie jetzt gesät hat, nicht mehr einfangen kann oder will. Diese Begründung hat wiederum zwei Dimensionen. Eine mildere, politische Version und eine fatalere, ökonomisch-technokratische. Die politische Dimension vermutet, dass die EZB zwar die überschüssige Liquidität zwar verringern könnte (z.B. durch Erhöhung ihrer Zinssätze oder Verkauf der Wertpapiere, die sie jetzt gekauft hat), dies aber höchstens unvollständig macht, weil sie befürchtet, dass dies eine konjunkturelle Erholung abwürgen würde. Aus ganz ähnlichen Überlegungen wie oben halte ich dies für sehr unwahrscheinlich. Die EZB ist in ihren Statuten einzig und allein der Geldwertstabilität verpflichtet, im Gegensatz übrigen zur US-Fed, die auch auf konjunkturelle Ziele zu achten hat. Und sämtliche Äusserungen von EZB-Personal, die ich in letzter Zeit lesen durfte, deuten darauf hin, dass die EZB keinen Grund sieht, von dieser Rolle abzuweichen (so z.B. EZB-Chefökonom Stark gestern in der FAZ).

Die fatalere, ökonomisch-technokratische Version dieser Begründung besagt, dass die EZB nicht in der Lage ist oder nicht das Instrumentarium besitzt, die jetzt geschaffene und bei Konjunkturerholung überschüssige Liquidität wieder „abzusaugen“. Ich habe diese Begründung noch wirklich im Detail untermauert gesehen und aus meiner Sicht ist sie so auch nicht haltbar. Der überwiegende Grossteil der EZB-Aktiva ist sehr kurzfristig verliehen, so dass die EZB die Geldmenge und damit auch die Liquidität sehr kurzfristig verringern könnte. Z.B., in dem sie die Menge verringert oder die dafür fälligen Zinsen wieder anhebt. Und die von der EZB gekauften Wertpapiere, die oftmals eine der Quellen der Inflationsangst sind, bereichern das EZB-Instrumentarium in diesem Fall eher, da durch den Verkauf dieser Papiere sehr effizient Liquidität aus dem Markt genommen werden könnte (im Ergebnis sehr ähnlich argumentieren z.B. Ökonomische NackenstützeBaseline Scenario und The Economist).

Und die dritte Begründung für Inflation ist ebenfalls nicht stichhaltig. Zwar ist ein Wiederanstieg der Rohstoffpreise durchaus realistisch. Aber auch der Anstieg auf die Preisniveaus vor der Finanzkrise hat nicht zu nennenswerter Inflation geführt. Und selbst wenn ein Preisanstieg einiger Güter kurzfristig einen geringen Inflationsdruck ausüben würde, sollte dies bei funktionierender Geldpolitik mittel- bis langfristig lediglich zu Veränderungen der relativen Preise aber nicht des Preisniveaus insgesamt führen.

Im übrigen scheint auch der Markt bisher keine wirklich grossen Inflationsängste zu haben, wie am Vergleich der Rendite von inflationsindezierten mit „normalen“ US-Bonds bei Verlorene Generation gezeigt wird.

Alles in allem gibt es aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund übersteigerte Inflationsangst. Mein Vertrauen in die EZB ist da ungebrochen. Bitte, liebe EZB, enttäusche mich nicht.