Kann Griechenland noch vor dem Staatsbankrott gerettet werden?

20. Mai 2010

Das hängt davon ab.  Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Darum ist es viel sinnvoller, zu durchdenken, an was man glauben muss, damit Griechenland einen Staatsbankrott abwenden kann. Und um sich zu verdeutlichen, woran man glauben muss, hilft eine Modellierung der notwendigen Annahmen (Details dazu hier).

Wovon hängt es ab, ob Griechenland seine Schulden noch zahlen kann?

Im wesentlichen und stark aggregiert hängt die Wahrscheinlichkeit des Staatsbankrotts von drei Faktoren ab:

  1. Den Zins, den Griechenland für seine Schulden auf dem Kapitalmarkt zahlen muss, da dies ein enormer Kostenblock ist, der sich kaum verändern läßt
  2. Wie stark die Wachstumseinbußen sind, die durch diese Konsolidierung verursacht werden
  3. Wie schnell und in welchem Ausmass Griechenland es schafft, sein Haushaltsdefizit zu verringern

Die Ausgangssituation der griechischen Haushaltsökonomie ist gleichermaßen bekannt wie verheerend. Die Staatsverschuldung liegt bei 115,1% des BIP, das Haushaltsdefizit bei 13,6% des BIP und das BIP ist in 2009 um 2,6% zurückgegangen und in Q1/2010 um 2,3% (Quelle: Eurostat).

Was muss man glauben?

Zinsen: Der aktuelle Zins auf 1ßjährige griechische Staatsanleihen ist ungefähr 7,5%. Die zukünftige Entwicklung hängt im wesentlichen vom Vertrauen in die griechische Konsolidierung ab und ist somit ein gewisser Zirkelschluss. Da EU, IWF und EZB gewillt sind, alles zu unternehmen, um den Bankrott zu verhindern, nehme ich mal an, dass sich dieser Zins bis 2016 bei 6% einpendeln wird. Angesichts der aktuellen Höhe und der verbreiteten Skepsis auf den Märkten eine eher optimistische Annahme.

Wirtschaftswachstum: Soll das langfristige Staatsschulden/BIP-Ratio konstant bleiben, darf sich Griechenland nur ein Haushaltsdefizit in Höhe der Wachstumsrate erlauben. Darum nehme ich wiederum optimistischerweise an, dass sich das Wachstum von aktuell -2,6% graduell bis 2016 auf 3% p.a. steigern lassen wird. Dies ist insbesondere deshalb fast schon übertrieben optimistisch, weil das aktuell notwendige Konsolidierungsprogramm negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben dürfte, ich aber in jedem Jahr eine kontinuierliche Verbesserung annehme.

Haushaltskonsolidierung: Bei den Annahmen über Zinsen, Wachstum und der notwendigen Haushaltskonsolidierung hat sich die das Schulden/BIP-Ratio bis 2016 auf 170% erhöht (Details dazu hier). Bei 6% Zinsen auf diese Staatsschuld zahlt Griechenland in 2016 dafür gut 10% seines BIP (davon übrigens deutlich mehr als die Hälfte davon ans Ausland!). Um das Haushaltsdefizit auf -3% zu reduzieren, muss Griechenland somit ein Haushaltsüberschuß vor Zinsen von 7% vom BIP erreichen. Nimmt man an, dass Griechenland heute 5% Zinsen zahlt, ergibt sich heute ein Haushaltsdefizit vor Zinsen von knapp 8% vom BIP. Griechenland muss sein Haushaltsdefizit vor Zinsen somit von heute -8% des BIP auf +7% des BIP in 2016 steigern!

Fazit

Derartige Sparanstrengungen sind eine Herkulesaufgabe sondergleichen. Nur zum Vergleich: das gesamte Steueraufkommen von Deutschland – und auch der USA – liegt bei gut 20% (näheres hier). Griechenland muss es also in den nächsten Jahren schaffen, durch Einsparungen und Steuererhöhungen 3/4 unseres gesamten Steueraufkommens zusätzlich zu erwirtschaften. Und dabei habe ich schon durchgehend sehr optimistische Annahmen verwendet. Und vor allem ist dann erst mal nur das Verhältnis Schulden zum BIP stabilisiert (bei 170%!), zum Abbau der Schulden sind weitere Einsparungen notwendig.

Vielleicht doch noch schnell griechische CDS kaufen?


Welche Folgen hätte ein griechischer Staatsbankrott für uns und den Euro?

18. Mai 2010

Ob Griechenland sich durch eigene Anstrengungen und mit Hilfe von EU und IWF noch vor der Zahlungsunfähigkeit retten und seine Schulden komplett bedienen kann, ist aktuell die zentrale Frage bei der Beurteilung der kurz-, mittel- und langfristigen Konjunktur- und Wachstumsaussichten.

Folgen eines griechischen Bankrotts

Falls Griechenland sich Bankrott erklären und zumindest einen Teil seiner Staatsschulden nicht mehr zurückzahlen würde, hätte dies verheerende Auswirkungen auf Wachstum und Wohlstand in Deutschland, im Rest Europas und darüber hinaus.

  • Die Risikoprämien anderer hochverschuldeter Staat (und Unternehmen) vor allem an der EU-Peripherie würden steigen und dadurch auch diese Staaten (und viele Unternehmen) an den Rand des Bankrotts bringen. Die dadurch notwendige, noch viel restriktivere Fiskalpolitik hätte negative konjunkturelle Wirkungen in den betroffenen Staaten selbst und durch Importrückgänge auch für die haushaltspolitisch (noch) weniger gefährdeten EU-Mitgliedern.
  • Vor allem deutsche und französische Finanzinstitute müssten erhebliche Abschreibungen auf ihre Bestände an griechischen Staatspapieren vornehmen und würden damit selbst z.T. bankrottgefährdet, müssten aber zumindest ihre Kreditvergabe einschränken und würden dadurch den negativen konjunkturellen Impuls verstärken
  • Die resultierende Unsicherheit hätte wiederum negative Auswirkungen auf Konsumneigung und Investitionen, insbesondere aus dem Ausland, was den konjunkturellen Abschwung weiter verstärken würde

Und was würde das für den Euro bedeuten?

Viel weniger als man bei der verbreiteten Rhetorik („wir müssen Griechenland helfen, um den Euro zu retten…“) vermuten würde.

Weder durch das aktuelle Rettungsprogramm noch durch einen griechischen Staatsbankrott erwarte ich einen substantiellen Anstieg der Inflation im Euroraum. Im Gegenteil, die Gefahr einer Deflation schätze ich vor diesem Hintergrund deutlich höher ein, sie wäre auch viel schwieriger zu korrigieren. Dazu werde ich demnächst noch detaillierter Stellung nehmen, aber die wichtigsten Gründe, die letztes Jahr schon galten, gelten auch hier und immer noch (Wird Inflation tatsächlich steigen?).

Der Außenwert des Euro dürfte in meinen Augen in diesem Szenario hingegen schon sinken. Eine deutlich niedrigeres Wachstum in Europa als im Dollarraum, sinkende Auslandsinvestitionen und dauerhaft geringe Zinsen werden u.a. dazu beitragen. Im übrigen gelten diese Faktoren auch alle – wenn auch abgeschwächt – angesichts der europaweit notwendigen staatlichen Konsolidierungsprogramme.

Dies ist allerdings m.E. alles andere als bedenklich. Zum einen haben wir ggü. dem Dollar noch Luft nach unten. Die Kaufkraftparität ist laut Sinn ca. 1,14. Und selbst bei einem Tiefkurs von 0,87 Dollar pro Euro war der Euro nicht gefährdet. Wie auch?
Und zum anderen hätte ein sinkender Euro positive Wirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums und würde den Konjunktureinbruch durch steigende Exporte (cp) mindern und die Erholung erleichtern.

Bei dem gigantischen Hilfsprogramm für Griechenland geht es also viel mehr um die die Rettung unserer Banken und Versicherungen und um die Vermeidung einer europaweiten Depression als um den Euro. Trotzdem ist es richtig und alternativlos.


Steuerbelastung in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering

17. Mai 2009

Ich kann mir angesichts der aktuellen fiskalischen und gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland kaum etwas unsinnigeres vorstellen als den Ruf nach Steuersenkungen. Dazu werde ich demnächst mal Ausführlicheres schreiben.

Aber einen Punkt will ich heute kurz machen, weil dies gerade vor dem Hintergrund der letzten OECD-Studie oft fehlinterpretiert wird: die gesamte Steuerbelastung in Deutschland ist im internationalen Vergleich sehr gering!

Dies sei anhand der Steuerquote verdeutlicht, die das Steueraufkommen relativ zum BIP setzt, also misst, wieviel der Wertschöpfung in den Staatshaushalten landet.

Steuerquote im internationalen Vergleich 1990-2006

Nach den Abgrenzungsmerkmalen der OECD

Land 1990 1995 2000 2004 2005 2006
Deutschland 21,8 % 22,7 % 22,7 % 20,7 % 20,9 % 22,0 %
Belgien 28,1 % 29,2 % 31,0 % 30,8 % 31,5 % 31,1 %
Dänemark 45,6 % 47,7 % 47,6 % 48,1 % 49,2 % 48,0 %
Frankreich 23,5 % 24,5 % 28,4 % 27,3 % 27,8 % 28,1 %
Polen 25,2 % 22,4 % 20,0 % 20,7 %
Schweiz 19,9 % 20,3 % 23,1 % 22,0 % 22,6 % 23,0 %
Tschechien 22,0 % 19,7 % 22,1 % 21,6 % 20,4 %
Großbritannien 30,1 % 28,5 % 30,9 % 28,9 % 29,6 % 30,6 %
USA 20,5 % 20,9 % 23,0 % 19,2 % 20,6 % 21,4 %

Quelle: Wikipedia

Der Vergleich mit den skandinavischen Staaten ist zwar etwas verzerrend, weil hierein hoher Anteil der Sozialverischerungen über Steuern finanziert wird (der Staatszuschuss ist allerdings auch in Deutschland vor allem in der Rentenversicherung nicht ohne).

Aber auch im Verleich zu den angeblichen steuerpolitischen Vorbildern USA, UK oder auch der Schweiz steht Deutschland alles andere als ein Hochsteuerland dar.

Besonders ärgert mich deshalb solch tendenziöse Kommentare wie diesen vom ÖkonomenBlog der INSM. Hier wird der in der jüngsten OECD-Studie enthaltene Vergleich der Belastung des Faktors Arbeit mir Steuern und Sozialabgaben zitiert und anhand der Ergebnisse suggeriert, Deutschland wäre ein Hochsteuerland („Deutschland gehört noch immer zu der Spitzengruppe der teuersten Staaten…“).

Guckt man sich die nackten Zahlen an, scheint dies zu stimmten. Deutschland ist bei 52% und Platz 2 in der OECD, während die Belastung in den USA nur 30% beträgt und in UK 33%.

Dieser Vergleich wirft jedoch Steuern und Sozialabgaben in einem Topf. Dies ist vor allem wenig sinnvoll für eine Diskussion über Steuerhöhen und Steuerentlastungen, weil die Sozialversicherungssysteme sich international sehr stark unterscheiden. Und diese Unterschiede in der institutionellen Ausgestaltung der Sozialversicherung sind viel mehr für die Differenzen in den obigen Werten verantwortlich als etwaige Unterschiede in der Steuerbelastung.

Die Unsinnigkeit dieses Vergleiches wird am Beispiel der Rentenversicherung am deutlichsten klar. Die deutsche Rentenversicherung ist quasi eine Art Zwangssparen während der Arbeitsjahre, für die es im Rentenalter Rückflüsse gibt. Zwar wird die erwartete Rendite für viele nicht besonders hoch sein, aber sie wird  voraussichtlich auch nicht besonders schlecht oder gar negativ sein.

Vergleicht man jetzt ewie OECD und ISNM in Land mit staatlicher Rentenversicherung wie Deutschland mit den USA, die keine staatliche Rentenversicherung haben, ergibt sich bei gleicher Steuerbelastung alleine wegen der Rentenversicherungsbeiträge ein rund 20% höherer Wert in Deutschland für die Belastung des Faktors Arbeit. Ist Deutschland deshalb ein Hochsteuerland? Wohl kaum, wenn wir uns die Steuerquote ansehen (22% Deutschland vs 21,4% USA in 2006)…  In diesem Vergleich wird nämlich ausser acht gelassen, dass auch US-Bürger Rücklagen für ihr Alter bilden müssen. Und ob deren Rendite am Kapitalmarkt höher ist als die der umlagefinanzierten deutschen Rentenversicherung ist vor allem in Zeiten der aktuellen Kapitalmakrtschmelze alles andere als klar.

Also, liebe Kollegen von der INSM: bitte nicht derart populistisch und interessengeleitet argumentieren!