Pharma-Pricing sollte in der Tat dringend reguliert werden, Chapeau Herr Rösler!

12. März 2010

Wohl in kaum einer Industrie gibt es kaum einen solch offensichtlichen Bedarf für regulatorische Preiskontrollen wie in der Pharmabranche. Und der Grund hierfür ist ebenso offensichtlich. Da neue Medikamente durch Patente vor Wettbewerb geschützt sind und Krankenkassen gleichzeitig gezwungen sind, jeden Preis für diese Medikamente zu zahlen, fehlt jedes Korrektiv, das Monopol- oder noch höhere Preise verhindern könnte.

Und konsequenterweise werden die Preise neuer Medikamente auch in den meisten europäischen Staaten staatlich reguliert. Nicht jedoch in Deutschland.

Und dies führt zu absurden Ergebnissen, für die der Lucentis/Avastin-Skandal ein sehr gutes Beispiel ist (hier eine ausführliche Version). Avastin ist ein Magenkrebsmedikament einer Novartistochter, bei dem 2000 festgestellt wurde, dass es sich auch hervorragend zur Heilung einer schwierigen Augenerkrankung (AMD) eignet. Da es für AMD kaum gute Arzneien gibt, wurde Avastin hierfür jahrelang sehr häufig eingesetzt.  Der Preis einer Dosis beträgt rund 25 €. Das Herstellerunternehmen hat jedoch inzwischen erfolgreich gegen den Einsatz des Krebsmedikamentes Avastin bei AMD geklagt und hierfür ein praktisch identisches Präparat herausgebracht, Lucentis. Der Preis von Lucentis: 1.500 € pro Dosis!!! Bei gleichen Herstellungskosten und praktisch ohne extra F&E-Aufwand.

Aber auch das hohe Preisniveau der Medikamente, die daraus folgende Profitabilität der Pharmabranche (Umsatzrenditen 2008: Boehringer 17,0%, Bayer 20,8%, Merck 8,4%), die Tatsache, dass deren Gewinne im Krisenjahr 2009 noch gestiegen sind, sowie Steigerungen der Medikamentenausgaben (in 2009 alleine 5,3%) deuten alle darauf hin, dass auch in Deutschland dringend eine Preisregulierung für patentgechützte Medikamente dringend erforderlich ist. Denn deren Überprofite zahlen wir schließlich alle.

Darum ist auch der Vorstoß von Gesundheitsminister Rösler (FDP) nur zu begrüßen, Zwangsrabatte zu erhöhen und Medikamentenpreise zukünftig zwischen Kassen und Pharmaherstellern aushandeln zu lassen. Auch wenn es nur ein erster Schritt sein kann. Es bleibt zu hoffen, dass hier mutig weitere Schritte folgen werden.

Chapeau, Her Rösler!

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Spekulation ist weder schädlich noch sollte sie verboten werden, auch nicht bei griechischen CDS

8. März 2010

Im Zuge der griechischen Haushaltskrise ist vielfach die zerstörerische und gefährliche Natur von Spekulation gegen den griechischen Staat beklagt worden. Merkel und Sarkozy wollen die Spekulation mit den griechischen Schulden eindämmen,  die SPD will sie schlicht beenden (was auch immer das heißen soll…) und selbst sonst eigentlich sehr kenntnisreiche Blogger wie Valuation in Germany nennen derartige Spekulationen grundsätzlich gefährlich. Dabei geht es eigentlich um die sogenannten CDS (Credit Default Swaps), mit denen sich ein Gläubiger gegen den Zahlungsausfall seiner Kredite versichern kann, die Debatte trägt aber häufig deutlich breitere Züge und adressiert Finanzspekulationen generell.

Wie wirkt CDS-Spekulation?

Unstrittig ist, dass CDS eine sehr sinnvoll Funktion ausüben können, wenn sie von den Gläubigern selbst gehalten werden, da diese Käufer eines CDS im Falle eines Kreditausfalles vom CDS-Verkäufer entschädigt werden. Sie können sich auf diese Weise sehr einfach versichern und  müssen nicht etwa bei steigender Unsicherheit ihre Staatsanleihen verkaufen. Umstritten ist hingegen, wie nützlich oder schädlich CDS sind, die von Investoren gekauft werden, die gar keine griechischen Staatsanleihen besitzen. Ein solcher Kauf wird auch mit der Wette auf den Brand eines fremden Hauses verglichen.

Schädlich soll dies vor allem deswegen sein, weil derartige CDS-Käufe es angeblich für Griechenland schwieriger machen, neue Gläubiger zu finden. Dieses Argument ist jedoch nur sehr bedingt valide. Werden CDS vermehrt von Spekulanten gekauft, die einen Zahlungsausfall erwarten, steigt der Risikoaufschlag, den Griechenland für seine neuen Emissionen zahlen muss. Dies ist allerdings per sé noch keine Verzerrung des Marktes, da auch Spekulanten nicht mehr für CDS zahlen würden als sie bei der marktdeterminierten Zahlungsausfallwahrscheinlichkeit wert sind. Überschätzen die Käufer aka Spekulanten das Ausfallrisiko, machen sie Verlust. Nur weil „leere“ Käufe von CDS möglich sind udn vorgenommen werden, heißt das also noch lange nicht notwendigerweise, dass Griechenland mehr für seine Staatsschulden zahlen muss als wenn diese Handelsform nicht möglich ist.

Zu berücksichtigen ist dabei auch, dass es für jeden Käufer eines CDS, der auf Zahlungsausfall wettet, einen Verkäufer als Gegenpartei gibt, der entsprechend darauf wettet, dass Griechenland seine Schulden zurückzahlen kann. Diese „Verkäufer-Spekulation“ findet übrigens auch dann statt, wenn der Käufer einen gedeckten CDS kauft, also tatsächlich griechische Staatsschulden besitzt.

Wirklich gefährlich wird es nur, wenn Spekulanten in einer Art selbsterfüllender Weise den Markt verzerren können. Etwa indem sie in solchen Mengen CDS kaufen und den Preis hochtreiben, dass dies die Kreditkosten für Griechenland untragbar teuer macht, die Sanierung des Haushaltes noch mehr erschwert oder potentielle Investoren verschreckt, so dass Griechenland tatsächlich wegen der Spekulation zahlungsunfähig wird. Derartige Auswirkungen spekulativer Attacken sind aber zum einen extrem unwahrscheinlich – und haben auch bisher bei Griechenland nicht funktioniert – und sind zum anderen sehr leicht durch glaubwürdige Eingriffe und Garantieerklärungen des IWF, der EU oder großer EU-Staaten zu entschärfen.

Oder um dies mit einem kleinen Rechenbeispiel zu verdeutlichen: nehmen wir an, dass der Preis der CDS aufgrund der Spekulation um 50-100 Basispunkte steigt, die Zinsen sich also um 0,5-1% erhöhen, was ein unrealistisch hoher Einfluss wäre. Dann würde dies Griechenland bei einem Schuldenstand von gut 100% des BIP etwas mehr als 0,5-1% des BIP kosten. Im Vergleich zum aktuellen Haushaltsdefizit von 12,6% des BIP wäre das überschaubar. Die krisenverschärfende Wirkung von Spekulation ist also selbst im pessimistischsten Szenario eher gering.

Aber hat Spekulation denn einen Nutzen?

Spekulation hat eine ganze Menge nützlicher Funktionen: sie ermöglicht Absicherungen gegen eine Vielfalt von Risiken und steigert die Marktliquidität, verschafft den Märkten zusätzliches Kapital und Akteure, die bereit sind, Risiken zu übernehmen. Der entscheidende Vorteil, auch in diesem Kontext, ist jedoch die disziplinierende und transparenzschaffende Funktion. Durch die Möglichkeit, auf alle möglichen und unmöglichen finanziellen Ereignisse wetten zu können, werden die Markteinschätzungen der jeweiligen Preise und Wahrscheinlichkeiten für alle Marktteilnehmer sehr transparent. Es ist daher den Akteuren kaum mehr möglich sich diesem Feedback des Marktes zu entziehen ohne entsprechend bestraft zu werden. Und diese Anreize für eine nachhaltige Haushaltspolitik sind gerade auch in Zeiten hoher Staatsdefizite ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Wie sollten CDS denn reguliert werden?

Die bisher unregulierte Natur von CDS ist natürlich schon ein Problem. Anstatt an transparenten, klaren Regeln unterworfenen Börsen werden diese vorwiegend per email oder Messenger gehandelt. Das muss sich natürlich ändern. Auch das „too big to fail“-Problem hat eine Relevanz für Derivate-Spekulation, wenn gehäuftes Exposure auftritt, und sollte entsprechend sauber reguliert werden. Und im Falle einer Spekulationsattacke könnte es auch sinnvoll sein, den Handel mit CDS zeitweilig auszusetzen bis sich die Märkte wieder beruhigt und zu fundamental gerechtfertigten Werten zurückgekehrt sind.

Ein generelles Verbot von Spekulation oder bestimmten Derivaten ist jedoch genauso unsinnig wie die Beschränkung auf Käufer, die das Underlying Asset besitzen. Abgesehen davon, wie ökonomisch unsinnig und falsch derartige Eingriffe wären, sie würden auch nur begrenzt wirken, wie Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank mit einer sehr anschaulichen Metapher beschreibt: „Das ist ungefähr so, wie wenn Sie eine Staumauer in einem Fluss bauen. Dann lenken Sie das Wasser ab und dann drückt es gegen andere Bereiche und führt dann womöglich dort zum Dammbruch.“


Die Debatte um höhere Inflation ist nicht gefährlich, sie sollte dringend geführt werden!

2. März 2010

In der Debatte um einen möglichen Anstieg der Inflation werden die Beiträge immer skuriler. Nachdem jetzt auch der IWF angeregt hat, über die Vor- und Nachteile höherer Inflationsraten nachzudenken, bedient Spiegel Online die klassischen deutschen Anti-Inflationsressentiments und treibt die Diskussion auf die Spitze („Gefährliche Debatte über billiges Geld – Inflation zerstört die Demokratie„):  diese Debatte sei gefährlich, sie spiele mit der Gesellschaftsordnung insgesamt, das Wertesystem der Gesellschaft gerate ins Rutschen, die Folgen seien unabsehbar, es ginge um das Vertrauen in die Demokratie.

Spon-Kommentartor H. Müller nennt im wesentlichen zwei Begründungen für seine Doomsday-Prognosen. Erstens argumentiert Müller, dass Inflation undemokratisch und unfair ist. Und zweitens, und das ist sein zentrales Argument, führt Inflation grundsätzlich zu einem Rückgang des Vertrauens in Institutionen, den Staat und die Demokratie, da diese Inflation quasi monopolistisch kontrollieren würden.

Ersteres stellt tatsächlich einen validen Nachteil von Inflation dar. Inflation ist in der Tat eine ungerechte Steuer, da die Höhe des Bargeldbesitzes als determinierender „Steuertatbestand“ ein eher willkürliches Kriterium für Besteuerung ist. Und ja, da Inflation im wesentlichen von der Zentralbank und nicht im Parlament entschieden wird, ist sie auch nicht demokratisch.

Allerdings dürften diese Effekte bei der jetzt diskutierten Erhöhung der Zielinflation auf 4% oder auch 5-6% praktisch nicht ins Gewicht fallen. Es gibt auch andere Steuern, deren Kriterien wenig systematisch sind und bedeutend höhere Einnahmen einbringen. Und Geldpolitik ist aus guten und bewährten Gründen in unabhängige Hände gelegt und dem Zugriff von Politikern entzogen worden.

Das zweite Argument Müllers ist jedoch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion verfehlt. Müller verwechselt hier schwankende oder überraschende Inflation mit einer klar kommunizierten, von allen erwarteten Zielinflation. Galoppierende, nicht mehr zu kontrollierende Inflation würde sicher Staat und Demokratie beschädigen. Eine Erhöhung der Zielinflation auf 4% sicher nicht. Eine solch geringe Inflationsveränderung wird kaum bemerkt. Wie schwierig das tatsächliche Tempo des Preisanstiegs im Alltag einzuschätzen ist, zeigt die Erfahrung der Euro-Einführung. Obwohl die gefühlte Inflation damals mindestens zweistellig war, sind die Preise tatsächlich nicht mehr gestiegen als vorher auch.

Eine derartig transparente Inflation enteignet auch nicht „schleichend“, da sich alle darauf einstellen können, zumindest bei neuen Verträgen.

Für die Panikmache von Müller gibt es also keinerlei stichhaltige Begründungen. Abgesehen davon blendet Müller praktisch alle, der durchaus bedenkenswerten Vorteile aus, die ein geringer, kontrollierter und gut kommunizierter Anstieg der zu erwartenden Inflation mit sich bringen würde. Diese Vorteile rechtfertigen es sehr wohl, dass das Paradigma der 0-2%-Inflation in Frage gestellt und neu durchdacht wird.

Kategorische, fast schon ideologische Denkverbote bringen hier nichts. Guter Qualitätsjournalismus ist etwas anderes. Oder wie Brad deLong sagen würde: Why oh why cant’t we have a better press corps?


Politiker-Fauxpas des Tages: Beate Merk (CSU) – Findet, dass sexuelle Freizügigkeit zu sexuellem Missbrauch führt

1. März 2010

Was ist passiert?

Die Häufung des sexuelle Missbrauchs durch katholische Geistliche nicht nur in Deutschland sondern auch international, vor allem in Irland und den USA ist inzwischen intensives Diskussionsthema.

Während moderate Theologen angesichts der enormen Missbrauchshäufung gerade unter katholischen Würdeträgern auf den offensichtlichen Zusammenhang mit katholischer Sexualmoral und -ethik hinweisen (beispielsweise Küng, Theologieprofessor), erklärt der Augsburger Bischof Mixa dazu: “Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.“ (siehe hier zu in der SZ)

Und was macht die gute Frau Merk?

Und Beate Merk, ihreszeichens bayerische Justizministerin und stellvertretende CSU-Vorsitzende lobt diese Äußerungen („weil uns jede öffentliche Diskussion weiterbringt und den Opfern hilft“) und erklärt dazu, sie sehe in den Worten Mixas „…keine unglückliche Formulierung, sondern den Versuch einer Erklärung“. (siehe hierzu in der SZ)

Und warum hat Frau Merk dafür den Politiker-Fauxpas des Tages verdient?

Mixas Äußerungen deuten offensichtlich auf ein vollkommen falsches und unzeitgemäßes Verständnis der Zusammenhänge hin und verhöhnen darüber hinaus die Opfer.

Alles andere als eine vollständige Verurteilung dieser katastrophalen Statements verdient daher den Politiker-Fauxpas des Tages. Auch wenn es schon ein paar Tage her ist.