Wird Inflation tatsächlich steigen?

Seit einiger Zeit geistert ganz hartnäckig die Auffassung umher, dass wir direkt auf eine Phase mit höherer Inflation zusteuern. Die Ökonomenzunft ist gespalten, aber interessanterweise gibt es auch zunehmend durchaus sachverständige Leute, die dies erwarten. Für steigende Inflationsraten werden im wesentlichen drei Begründungen angeführt, die aus meiner Sicht aber alle nicht stichhaltig sind:

  • Die Staatsverschuldung wächst durch die finanzkriseninduzierten Staatsgarantien und Konjunkturprogramme dermassen, dass eine normale Tilgung kaum noch möglich erscheint und der Staat sich daher die Inflation zur Hilfe nehmen wird, um seine (reale) Verschuldung zu verringern (so z.B. die UBS). Witzigerweise hat K. Rogoff u.a. genau aus diesem Grund Inflation empfohlen.
  • In den letzten Monaten wurde zur Rettung des Bankensektors und zur Konjunkturstützung so viel Liquidität in die Märkte gepumpt, dass diese zusätzliche Liquidität die Preise steigen lassen wird, sobald sich die Konjunktur wieder erhöht (z.B. Steinbrück und Zimmermann)
  • Bei sich erholender Weltwirtschaft werden die in jüngster Zeit stark gefallenen Rohstoffpreise wieder steigen, so dass Deutschland sich dadurch Inflation importiert (so z.B. Straubhaar)

Die erste Begründung ist sicher die unsinnigste. Da in Europa die EZB (ebenso wie in den USA die Fed) vollkommen unabhängig ist, hätte der Staat überhaupt keine Möglichkeit, Inflation gezielt zur Reduktion der Staatsverschuldung einzusetzen. Und ich glaube auch nicht, dass die EZB sich von der Politik auf diese Weise unter Druck setzen lassen wird. Ganz im Gegenteil, die EZB ist als Institution immer noch sehr jung und war bisher daher sehr darauf bedacht, sich einen Ruf und Glaubwürdigkeit aufzubauen, indem sie gerade nicht auf populistische Rufe von Politikern nach laxerer Geldpolitik eingegangen ist. Darüber hinaus kann ich mir zumindest im deutschen Kontext nicht vorstellen, dass es Politiker geben würde, die dies öffentlich fordern würden. Inflation ist historisch bedingt in Deutschland derart unpopulär, dass solche Forderungen einem politischen Selbstmord für Politiker fast sämtlicher Couleur bedeuten würde (Ökonomische Nackenstütze schätzt das für Österreich ebenso ein).

Die zweite Begründung impliziert, dass die EZB die Inflationsgeister, die sie jetzt gesät hat, nicht mehr einfangen kann oder will. Diese Begründung hat wiederum zwei Dimensionen. Eine mildere, politische Version und eine fatalere, ökonomisch-technokratische. Die politische Dimension vermutet, dass die EZB zwar die überschüssige Liquidität zwar verringern könnte (z.B. durch Erhöhung ihrer Zinssätze oder Verkauf der Wertpapiere, die sie jetzt gekauft hat), dies aber höchstens unvollständig macht, weil sie befürchtet, dass dies eine konjunkturelle Erholung abwürgen würde. Aus ganz ähnlichen Überlegungen wie oben halte ich dies für sehr unwahrscheinlich. Die EZB ist in ihren Statuten einzig und allein der Geldwertstabilität verpflichtet, im Gegensatz übrigen zur US-Fed, die auch auf konjunkturelle Ziele zu achten hat. Und sämtliche Äusserungen von EZB-Personal, die ich in letzter Zeit lesen durfte, deuten darauf hin, dass die EZB keinen Grund sieht, von dieser Rolle abzuweichen (so z.B. EZB-Chefökonom Stark gestern in der FAZ).

Die fatalere, ökonomisch-technokratische Version dieser Begründung besagt, dass die EZB nicht in der Lage ist oder nicht das Instrumentarium besitzt, die jetzt geschaffene und bei Konjunkturerholung überschüssige Liquidität wieder „abzusaugen“. Ich habe diese Begründung noch wirklich im Detail untermauert gesehen und aus meiner Sicht ist sie so auch nicht haltbar. Der überwiegende Grossteil der EZB-Aktiva ist sehr kurzfristig verliehen, so dass die EZB die Geldmenge und damit auch die Liquidität sehr kurzfristig verringern könnte. Z.B., in dem sie die Menge verringert oder die dafür fälligen Zinsen wieder anhebt. Und die von der EZB gekauften Wertpapiere, die oftmals eine der Quellen der Inflationsangst sind, bereichern das EZB-Instrumentarium in diesem Fall eher, da durch den Verkauf dieser Papiere sehr effizient Liquidität aus dem Markt genommen werden könnte (im Ergebnis sehr ähnlich argumentieren z.B. Ökonomische NackenstützeBaseline Scenario und The Economist).

Und die dritte Begründung für Inflation ist ebenfalls nicht stichhaltig. Zwar ist ein Wiederanstieg der Rohstoffpreise durchaus realistisch. Aber auch der Anstieg auf die Preisniveaus vor der Finanzkrise hat nicht zu nennenswerter Inflation geführt. Und selbst wenn ein Preisanstieg einiger Güter kurzfristig einen geringen Inflationsdruck ausüben würde, sollte dies bei funktionierender Geldpolitik mittel- bis langfristig lediglich zu Veränderungen der relativen Preise aber nicht des Preisniveaus insgesamt führen.

Im übrigen scheint auch der Markt bisher keine wirklich grossen Inflationsängste zu haben, wie am Vergleich der Rendite von inflationsindezierten mit „normalen“ US-Bonds bei Verlorene Generation gezeigt wird.

Alles in allem gibt es aus meiner Sicht überhaupt keinen Grund übersteigerte Inflationsangst. Mein Vertrauen in die EZB ist da ungebrochen. Bitte, liebe EZB, enttäusche mich nicht.

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3 Responses to Wird Inflation tatsächlich steigen?

  1. ketzerisch sagt:

    Inflationsgefahren sehe ich auch nur für die USA; auch wenn der Markt das anders sieht. Für Europa bin ich da gelassener, weil die EZB viel unabhängiger ist als die FED und die Eurozone kein so negative Handelsbilanz hat.

    Eine andere technische Argumentation für Inflation ist es, dass die Zentralbank wertlose Assets bei den Repotransaktionen angedreht bekommen. Bei Ausfall der Banken macht die Zentralbank dann Verluste und kann nur weniger Liquidität aus dem Markt abziehen, als sie mit dem Repo freigesetzt hat. Beispielsweise hat die EZB im Q4 2008 ca. 5,7 Mrd. Euro Verlust gemacht (Quelle). Ob dies ausreicht, um die Inflation anzuheizen wage ich zu bezweifeln. Aber es ist sicher ein Tor von Inflation, wenn es gehäuft auftreten sollte.

    Interessant auch die Meinung von Tyler Durden.

  2. […] Weder durch das aktuelle Rettungsprogramm noch durch einen griechischen Staatsbankrott erwarte ich einen substantiellen Anstieg der Inflation im Euroraum. Im Gegenteil, die Gefahr einer Deflation schätze ich vor diesem Hintergrund deutlich höher ein, sie wäre auch viel schwieriger zu korrigieren. Dazu werde ich demnächst noch detaillierter Stellung nehmen, aber die wichtigsten Gründe, die letztes Jahr schon galten, gelten auch hier und immer noch (Wird Inflation tatsächlich steigen?). […]

  3. […] Weder durch das aktuelle Rettungsprogramm noch durch einen griechischen Staatsbankrott erwarte ich einen substantiellen Anstieg der Inflation im Euroraum. Im Gegenteil, die Gefahr einer Deflation schätze ich vor diesem Hintergrund deutlich höher ein, sie wäre auch viel schwieriger zu korrigieren. Dazu werde ich demnächst noch detaillierter Stellung nehmen, aber die wichtigsten Gründe, die letztes Jahr schon galten, gelten auch hier und immer noch (Wird Inflation tatsächlich steigen?). […]

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