Steuerbelastung in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering

Ich kann mir angesichts der aktuellen fiskalischen und gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland kaum etwas unsinnigeres vorstellen als den Ruf nach Steuersenkungen. Dazu werde ich demnächst mal Ausführlicheres schreiben.

Aber einen Punkt will ich heute kurz machen, weil dies gerade vor dem Hintergrund der letzten OECD-Studie oft fehlinterpretiert wird: die gesamte Steuerbelastung in Deutschland ist im internationalen Vergleich sehr gering!

Dies sei anhand der Steuerquote verdeutlicht, die das Steueraufkommen relativ zum BIP setzt, also misst, wieviel der Wertschöpfung in den Staatshaushalten landet.

Steuerquote im internationalen Vergleich 1990-2006

Nach den Abgrenzungsmerkmalen der OECD

Land 1990 1995 2000 2004 2005 2006
Deutschland 21,8 % 22,7 % 22,7 % 20,7 % 20,9 % 22,0 %
Belgien 28,1 % 29,2 % 31,0 % 30,8 % 31,5 % 31,1 %
Dänemark 45,6 % 47,7 % 47,6 % 48,1 % 49,2 % 48,0 %
Frankreich 23,5 % 24,5 % 28,4 % 27,3 % 27,8 % 28,1 %
Polen 25,2 % 22,4 % 20,0 % 20,7 %
Schweiz 19,9 % 20,3 % 23,1 % 22,0 % 22,6 % 23,0 %
Tschechien 22,0 % 19,7 % 22,1 % 21,6 % 20,4 %
Großbritannien 30,1 % 28,5 % 30,9 % 28,9 % 29,6 % 30,6 %
USA 20,5 % 20,9 % 23,0 % 19,2 % 20,6 % 21,4 %

Quelle: Wikipedia

Der Vergleich mit den skandinavischen Staaten ist zwar etwas verzerrend, weil hierein hoher Anteil der Sozialverischerungen über Steuern finanziert wird (der Staatszuschuss ist allerdings auch in Deutschland vor allem in der Rentenversicherung nicht ohne).

Aber auch im Verleich zu den angeblichen steuerpolitischen Vorbildern USA, UK oder auch der Schweiz steht Deutschland alles andere als ein Hochsteuerland dar.

Besonders ärgert mich deshalb solch tendenziöse Kommentare wie diesen vom ÖkonomenBlog der INSM. Hier wird der in der jüngsten OECD-Studie enthaltene Vergleich der Belastung des Faktors Arbeit mir Steuern und Sozialabgaben zitiert und anhand der Ergebnisse suggeriert, Deutschland wäre ein Hochsteuerland („Deutschland gehört noch immer zu der Spitzengruppe der teuersten Staaten…“).

Guckt man sich die nackten Zahlen an, scheint dies zu stimmten. Deutschland ist bei 52% und Platz 2 in der OECD, während die Belastung in den USA nur 30% beträgt und in UK 33%.

Dieser Vergleich wirft jedoch Steuern und Sozialabgaben in einem Topf. Dies ist vor allem wenig sinnvoll für eine Diskussion über Steuerhöhen und Steuerentlastungen, weil die Sozialversicherungssysteme sich international sehr stark unterscheiden. Und diese Unterschiede in der institutionellen Ausgestaltung der Sozialversicherung sind viel mehr für die Differenzen in den obigen Werten verantwortlich als etwaige Unterschiede in der Steuerbelastung.

Die Unsinnigkeit dieses Vergleiches wird am Beispiel der Rentenversicherung am deutlichsten klar. Die deutsche Rentenversicherung ist quasi eine Art Zwangssparen während der Arbeitsjahre, für die es im Rentenalter Rückflüsse gibt. Zwar wird die erwartete Rendite für viele nicht besonders hoch sein, aber sie wird  voraussichtlich auch nicht besonders schlecht oder gar negativ sein.

Vergleicht man jetzt ewie OECD und ISNM in Land mit staatlicher Rentenversicherung wie Deutschland mit den USA, die keine staatliche Rentenversicherung haben, ergibt sich bei gleicher Steuerbelastung alleine wegen der Rentenversicherungsbeiträge ein rund 20% höherer Wert in Deutschland für die Belastung des Faktors Arbeit. Ist Deutschland deshalb ein Hochsteuerland? Wohl kaum, wenn wir uns die Steuerquote ansehen (22% Deutschland vs 21,4% USA in 2006)…  In diesem Vergleich wird nämlich ausser acht gelassen, dass auch US-Bürger Rücklagen für ihr Alter bilden müssen. Und ob deren Rendite am Kapitalmarkt höher ist als die der umlagefinanzierten deutschen Rentenversicherung ist vor allem in Zeiten der aktuellen Kapitalmakrtschmelze alles andere als klar.

Also, liebe Kollegen von der INSM: bitte nicht derart populistisch und interessengeleitet argumentieren!

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12 Responses to Steuerbelastung in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering

  1. Thomas sagt:

    Man denkt bei diesem Thema immer spontan an die hohen Grenzsteuersätze bei der Einkommensteuer.

    Ich finde es angesichts der Einkommensteuersätze erstaunlich, daß die Lohnsteuer insgesamt nur ein Aufkommen von 132 Mrd. € hat (2007, laut Wikipedia), also bei knapp 40 Mio. Erwerbstätigen nur ein Steueraufkommen von 3.300 € pro Beschäftigten und Jahr resultiert. Es muß anscheinend sehr viele Niedrigverdiener geben in diesem Land…

  2. Frank sagt:

    Nö, versteh ich nicht. In dem INSM-Artikel geht es um beides, Steuern- und Abgaben. Die sind in Deutschland erheblich und müssen runter.

    Was mir aber aufgefallen ist:
    Die Beitragsbemessungsgrenzen führen eben nicht dazu, dass der Abgabenanteil der Besserverdienenden mit steigendem Einkommen wieder sinkt, wie INSM behauptet. Denn die meisten mit Einkommen über den Beitragsbemessungsgrenzen klinken sich einfach aus dem Sozialsystem aus und zahlen ihre private Krankenversicherung und bauen ihre private Rente auf. Der Begriff „sozial“ endet also an den Bemessungsgrenzen.

  3. Patrick sagt:

    Gut, ich gehöre gerade auch zu denen, die sich über Deutschland aufregen. Deshalb mal eine etwas sarkastisch formulierte Erleuterung mit der Bitte um Aufklärung:

    Heute habe ich als Selbständiger 20,- EUR verdient … nicht schlecht, habe ich gedacht. Dann habe ich erst mal rund 6,- EUR Einkommenssteuer bezahlt und mich über die 14,- EUR mehr im Geldbeutel gefreut.

    Hmmm, dachte ich, erstmal Tanken gehen. 4 Liter zu 1,42 EUR, also wieder 5,68 EUR weg – wovon doch tatsächlich nach genauer Recherche 3,52 EUR an den Staa…t gehen. Auf den Schreck erst mal eine Schachtel Kippen … 4,50 EUR, ganz schön üppig – gehen ja aber auch 3,74 EUR an den Staat.

    Na gut, dann eben mit den restlichen 3,82 EUR noch schnell in den Supermarkt … ein Pfund Kaffee kaufen für’s Büro. Davon gehen übrigens auch 1,79 EUR an den Staat.

    Und jetzt sitze ich wieder im Büro, weil die vier Liter schon fast wieder verfahren sind und das Auto leer ist, trinke eine Tasse Kaffee, rauche eine Zigarette

    … und bemerke zufällig, das von meinen 20,- verdienten Euros in der letzten Stunde 15,05 EUR direkt wieder an den Staat gegangen sind.

    • aflasbar sagt:

      Hallo Patrick,

      Du hast in Deinem Beispiel Extremfälle gewählt, weil die Einkommensbesteuerung hoch ist, vor allem aber weil die konsumierten Produkte alle mit weit überdurchschnittlichen Steuersätzen belegt sind.

      Das andere Extrem wäre ein Geringverdiener, der auf seine 20€ gar keine Einkommensteuer zahlt und das Geld komplett für Lebensmittel ausgibt, die mit 7% MWSt. belegt sind. Dann würde der Staat von den 20€ gerade mal 1,40€ erhalten.

      Und weil beides Extremfälle sind, liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Und uwE bei einem Steueraufkommen von gut 20% vom BIP.

      Und das ist international sehr wenig. Es gibt also zumindest in dieser Hinsicht keinen Grund, sich über Deutschland aufzuregen.

      LG
      EconBusinessGermany

  4. […] Steueraufkommen von Deutschland – und auch der USA – liegt bei gut 20% (näheres hier). Griechenland muss es also in den nächsten Jahren schaffen, durch Einsparungen und […]

  5. Weißnichtviel sagt:

    Die Steuerbelastung kann nicht korrekt ins Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt gesetzt werden. Die Steuerbelastung begründet sich auf Individualität, während das Bruttoinlandprodukt ein gemeinschaftliches Werk ist. Das ist so als würde man einen Millionär und einen Habenichts als Personen darstellen, denen es (durchschnittlich) beiden gut geht. Beide haben ein Vermögen von durchschnittlich 500.000. Die Steuern und Abgabenbelastung setzt sich zusammen aus direkten und indirekten Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträgen. Ein Mittelständler zahlt so um die 80 % Steuern und Abgaben von seinem Einkommen. Das steht im keinem Verhältnis zum freiheitlich demokratischen Staat. Das ist Sklaverei, das ist konfiskatorisch. Der Staat macht im Jahr ca. 1.2 Billionen € Einnahmen. D. h. jeder Bürger, vom Kleinstkind bis zum Greis zahlen jährlich rund 15.000 €. Das muß man sich mal vorstellen, bei der Vielzahl der Personen, die dieses Einkommen im Jahr nicht mal beziehen. Wer solche Verhältnisse als nicht bedenklich einstuft ist eben nicht Sklave sondern gehört zur Aufsicht.

    • aflasbar sagt:

      Hallo Weißnichtviel,

      Mir ist nicht so ganz klar, wie Du auf 80% Steuer- und Abgabenlast auf das Einkommen eines Mittelständlers kommst?

      Ansonsten hast Du natürlich Recht: selbst wenn die durchschnittliche Steuerbelastung Deutschlands im internationalen Vergleich eher gering ist, heißt das noch nicht notwendigerweise, dass auch die Belastung eines jeden einzelnen gering oder zumindest fair ist.

      Ich würde jedoch sagen, dass die Belastung der Spitzenverdiener sogar zu gering ist. Als die aktuelle Regierugskoalition 1998 von der Regierung abgelöst wurde, war der Spitzensteuersatz noch bei 53%. Als sie 2009 wieder an die Regierung gekommen ist, waren es nur noch 42%…

      LG
      EconBusinessGermany

  6. nkiessling sagt:

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  7. Scheriau sagt:

    Speziell in den letzten Jahren wurden die Abschreibungsmöglichkeiten sukzessiv weggestrichen; das trifft. Beruhigen tut mich aber, dass im Gegenzug auch Sozialausgaben hart gestrichen wurden. Und so ist das auch o.k. . Jeder gibt etwas ab und Deutschland wird schuldenfrei. Schade nur, dass die öffentliche Verwaltung an diesem Sparkurs (noch) nicht teilnimmt. . In Deutschland haben wir nur manchmal zu wenig freien Wettbewerb. Unser soziales Auffangnetz möchte ich nicht missen, obwohl ich es garantiert nie brauche. Ich habe mich wegen der fehlenden Sonnenwärme lange intensiv mit auswandern beschäftigt. Aber dort nur fehlende soziale Wärme gefunden. Ein Land wie Deutschland findet Ihr auf dieser Welt nicht mehr. Besser wie wir hats keiner. Also hört auf zu jammern und seit stolz darauf, dass Ihr zu den Spitzensteuerzahlern gehört die das alles tragen. Damit seid Ihr auch sicher, das Ihr um Euere Häuser keine Mauern mit elektrischem Zaun braucht um (auch tagsüber) Einbrecher fernzuhalten. Euere Kinder können in den Straßen laufen ohne in den Schußwechsel von Drogenbanden zu geraten. Bezieht das mit ein bei Eueren Vergleichen von Steuersätzen. Denn ganz ohne funktionierende Verwaltung geht es ja auch nicht. Und die kostet Geld.

  8. Heinz-Hellmuth sagt:

    Während im späten Mittelalter sich die Obrigkeit mit dem zehnten
    als Abgabe zufrieden gab, kommt mann und frau heute leicht auf gut die Hälfte der erarbeiteten Leistung, wenn alle Steuern und Abgaben, wie Einkommenssteuer, Vermögenssteuer, Mehrwertsteuer und was sonst noch addiert werden. So kann es u. a. vorkommen, dass anlässlich eines Restaurantbesuchs der Fiskus sich einen grösseren Anteil am erarbeiteten Wert nimmt, als der Wirt.
    Kein Wunder also, dass legale aber auch illegale Steuerschlupflöcher oft die einzige Möglichkeit sind, um sich überhaupt noch einen gerechten persönlichen Anteil zu sichern.
    Wenn dann noch dazu kommt, dass die Steuergelder für Dinge
    ausgegeben werden, für die jeder und jede, die noch alle Tassen im Schrank hat, niemals auch nur einen einzigen Cent, Pfennig oder Rappen hergeben würde. So wird Steuerhinterziehung oftmals einziges Mittel der Selbstverteidigung.

  9. VVizzy sagt:

    What? Der Zehnt im späten Mittelalter war ein Kirchenzehnt, damit sind die Steuern der Obrigkeit in keinster Weise erfasst ^^

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